Five o‘ clock tea: Der englischsprachige Konversationskurs, der nicht nur zum Sprechen, sondern gelegentlich auch zum Handeln einlädt!

Das Seniorennetzwerk „Wir sind Haan“ bietet an jedem zweiten und jedem vierten Freitag des Monats um 17 Uhr im Haus am Park einen englischsprachigen Konversationskurs an. Zwei Tage nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle/Saale am 9. Oktober 2019 fand in diesem ökumenischen Gesprächskreis eine Diskussion über das schreckliche Attentat in Halle statt.

Die Vorstellung, beim Gebet am höchsten jüdischen Feiertag in der Synagoge mit Waffen angegriffen zu werden, erfüllte uns alle mit Entsetzen. Die zehn Frauen und Männer im Rentenalter fragten sich, wie wir als in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden reagieren würden. Schnellstens die Koffer packen und mit der ganzen Familie ins Ausland fliehen? Wenn das so einfach wäre! – Wir fragten uns auch, ob Beileidsbekundungen und Mahnwachen reichen, um einen zweiten Holocaust zu verhindern, oder ob wir als Christinnen und Christen gefordert sind, mehr zu tun.

Im Rahmen dieses Gespräches kam auch die Solidaritätsaktion „Deutschland trägt Davidstern“ zur Sprache, die von der Jüdischen Gemeinde in Berlin vorgeschlagen worden ist. Wir überlegten, ob wir es schaffen würden, im eigenen vertrauten Umfeld mit dem Tragen des Davidsterns ein Zeichen zu setzen gegen Rassismus und Ausgrenzung. Im Anschluss an dieses Gespräch habe ich mir aus gelber Pappe einen Davidstern erstellt und „Heimat für alle!“ darauf geschrieben (s. Foto).

Als ich im Kreis vertrauter Menschen diesen Davidstern trug, ergaben sich interessante Gespräche. Es wurde sehr privat, oft politisch, und manchmal gingen die Wogen hoch. Die meisten Menschen, mit denen ich ins Gespräch kam, waren interessiert an den Themen „Menschen ohne Heimat“ und „Gewalt gegen Andersgläubige und Andersdenkende“. Manche waren selbst Betroffene: als Vertriebene oder deren Nachkommen, als Menschen mit Migrationshintergrund, als Geflüchtete oder einfach als Angehörige einer Minderheit.

Teilweise ging es um ganz grundsätzliche Fragen wie z.B., wo denn eigentlich die „Heimat“ eines Menschen sei und ob es ein Grundrecht auf Heimat gibt. Heiß ging es her, als die Rede auf die Ausschreitungen bei Demonstrationen von Kurden gegen den Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien kam oder auf die Siedlungspolitik des Staates Israel. Aber auch der Vergleich von geflüchteten Menschen, die seit 2015 Zuflucht in Deutschland gefunden haben, mit den Kriegsflüchtlingen des 2. Weltkriegs und den Opfern von Bombenangriffen bot Zündstoff. Oft ging es ans Eingemachte. Ich bekam erzählt von jüdischen Menschen, die ursprünglich in Gruiten-Dorf gelebt hatten, und von deren Schicksal während der NS-Zeit. Mehrfach erwähnten Menschen, wie beunruhigt sie sind aufgrund der zunehmenden Anzahl von Kriegen und politischen Konflikten weltweit. Der wachsende Einfluss von Populisten im politischen Umfeld der BRD und die jüngsten Wahlergebnisse mit ihrem Verlust der sog. „Mitte“ zugunsten einer Stärkung der Ränder waren ebenfalls Thema.

Es gab auch Menschen, die die Erklärung für meinen selbstgebastelten Davidstern in dem Sinne kommentierten, es sei höchste Zeit, Farbe zu bekennen, um unsere demokratischen Grundwerte wie die Meinungsfreiheit mit Leben zu füllen. Die Zivilgesellschaft habe als Wertegemeinschaft auch die Aufgabe, „rote Linien“ aufzuzeigen gegenüber radikalen und Menschen verachtenden Minderheiten.

Eigentlich wollte ich das Experiment nach ein paar Tagen beenden – nicht zuletzt wegen der Warnungen von Freunden und Bekannten. Ich solle vorsichtig sein: Es gebe in allen Kulturen „schwierige Menschen“, die sich provoziert fühlen könnten durch meine öffentliche Zurschaustellung eines Davidsterns. Daraufhin habe ich meinen gelben „Hingucker“ unter meiner Jacke verschwinden lassen, wenn ich S-Bahn fahre oder aus anderen Gründen damit rechnen muss, angefeindet zu werden.

Heute, vier Wochen nach Beginn meiner Aktion, trage ich meinen Davidstern immer noch, wenn ich das Haus verlasse. Ich mache deswegen weiter, weil dieses Symbol zum Anlass geworden ist für so viele intensive Vier-Augen-Gespräche.

Vielleicht treffe ich ja demnächst auf andere Menschen, die sich ebenfalls beteiligen möchten an der Aktion „Deutschland trägt Davidstern“. Ich kann nur sagen: Es lohnt sich, miteinander auch über schwierige Themen und Tabus ins Gespräch zu kommen.

Romy Becker
romy.becker@wirsindhaan.de

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